Sven Väth: 30 Years on the Decks!

2011 ist es soweit: Urgestein Sven Väth, Jahrgang 64, feiert sein 30-jähriges DJ-Jubiläum! Aus diesem Anlass hat es sich der Meister nicht nehmen lassen ein paar Wörter über die Szene im Allgemeinen zu notieren.

30 Years on the Decks! (…from a DJ’s mind)

„Hey Mr. DJ play that song – keep doin‘ it, doin‘ it – all night long“…

(Tony Touch)

…und genau darum ging es mir immer, um Songs mit Phantasie und Tiefgang, Songs zum Durchdrehen und zum Verlieben, Songs zum Mitsingen, Songs mit Leib und Seele. Aber auch um instrumentale Stücke, ob nun mit dem Computer oder ‚von Hand‘ komponiert, um Songs mit Soundlandschaften, die Sehnsüchte wecken und Freiheit versprühen. Es ging mir um Tracks, die Strahlkraft haben, die Geschichten erzählen oder Hoffnung verbreiten. Lieder, die klingen und zum Zuhören einladen – mal abstrakt und außerirdisch, mal bekannt und eingängig. Tracks, die niemals aufhören sollen, die den Moment festhalten und uns alle in genau dem Moment, in dem sie laufen – laut laufen – zum Mittelpunkt des Universums machen, und zwar nicht nur den DJ, der sie aussucht, sondern viel mehr noch den Zuhörer und Tänzer – Musik, die uns das gibt, was wir alle irgendwie suchen. Manches Stück zeigt uns unsere verborgene oder verrückte Seite, viele bringen uns zum Lächeln und manch eines auch zum Weinen. Musik berührt uns und sie bewegt uns. Songs make us move, von Disco-Dancing über Breakdancing bin hin zum coolen Grooven und natürlich dem ultimativen Ab-Raven. Ich brauche Songs, zu denen ich einfach immer nur tanzen kann und die genau diese zwei entscheidenden Komponenten vereinen: die Welt, in der wir leben durch Musik und Tanz gleichzeitig zu spüren aber auch vergessen zu können. Und das kann nur ein richtig guter Song.

„This House Is Mine“– Entdecken und weitergeben…

(The Hypnotist)

Musik zu finden, die sich qualitativ von der Masse abhebt, war und ist meine Mission.

Visionäre Musik, die einen nicht mehr los lässt.

Musik, die neugierig macht auf mehr.

Musik, die die Kraft hat, etwas Neues zu bewegen und Menschen zu vereinen. Musik von und für DJs, idealerweise konsequenter Dancefloor-Sound, aber nicht konservativ, sondern frei im Arrangement und offen für Neues, offen vor allem für die Kombination von alt und neu. Laut und kraftvoll soll sie sein, aber auch subtil, unterschwellig, gefühlvoll und leise bis hin zu experimentell, bizarr und total abgedreht. Es muss authentische Musik sein und nicht etwas blind Kopiertes oder Nachgemachtes. Musik, die rebelliert und Neues schafft. Das ist mein Antrieb und so soll Musik sein, danach suche ich und das versuche ich zu schaffen. Searching and creating for 30 years… non stop!

„The Sound Of Music“ – Techno, House und…

(Falco)

…Club Music – das ist der maßgeschneiderte Sound für den Dancefloor. Es war damals eine sehr aufregende Zeit, als die elektronischen Sounds in den Clubs immer präsenter wurden und sich mehr und mehr durchsetzten. Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich 1981 zum ersten Mal Kraftwerk im Dorian Gray gehört habe. Da flog mir buchstäblich die Schädeldecke weg! Das Gray hatte zu jener Zeit die beste Soundanlage Deutschlands und ich kam mir vor wie in einem UFO: Laserlicht und Nebelwolken (es lief „Computerwelt“) in Kombination mit dieser Musik… das war’s dann für mich! Seit diesem Tag ist elektronische Musik für mich immer die interessanteste und freigeistigste Musik geblieben. Die musikalische Revolution, und hier vor allem die auf dem Dancefloor, ist eine elektronische Revolution!

Natürlich war und ist hierbei der Sound als solcher entscheidend. Rebellische analoge Sounds, etwa aus den Maschinen von Roland mit den berühmten magischen Zahlen 909, 808,101 und 303, aus dem Mini Moog oder den Korg Synths MS20 und MonoPoly haben den House- und Technosound wohl am meisten geprägt.

Zum Klang einer Vinylscheibe (dem übrigens immer noch am weitest verbreiteten analogen Abspielmedium) wurde in den letzten Jahren ja schon sehr viel geschrieben und diskutiert. Aber wie man es auch dreht und wendet: eine gut gepresste Platte, auf einem guten Tonabnehmer-system und einem guten Pre-Amp/Mischpult abgespielt klingt einfach schöner als alle digitale Konkurrenten. Vinyl ist DAS Medium für alle, die wirklich Wert auf guten Sound legen!

Ich habe immer viel Zeit in das Finden von Musik investiert. Mehrmals pro Woche bin ich in die Plattenläden gegangen, um Neuheiten zu hören, mich mit DJ-Kollegen und Produzenten auszutauschen und über Techno- und Housemusik zu diskutieren. Diesen Luxus kann ich mir aus Zeitgründen leider nur noch zweimal im Monat erlauben. Netterweise schicken mir die Jungs vom Frankfurter Freebase Record Store die Platten inzwischen auch nach Hause, da ich einfach sehr viel unterwegs bin. Allerdings vermisse ich das soziale Umfeld der Plattenläden und den Austausch mit den DJs vor Ort. Ausserdem bekomme ich regelmäßig meine Promos zugeschickt. An meinem ‚Hör-Ritual‘ hat sich hingegen nicht viel geändert: ich widme meinen Vinyl-Abhör-Sessions nach wie vor viel Zeit. Neue Musik zu finden und zu selektieren, sie zu verknüpfen und daraus immer wieder eine neue musikalische Reise zu gestalten ist mein Credo, und so war auch mein DJ-Stil in den letzten 30 Jahren. Die Substanz und die Qualität der Musik waren dabei immer entscheidend – und ob diese nun eher abstrakt oder eher melodiös geraten war: mein Auge bzw. mein Ohr ist beim Hören immer auf den Dancefloor ausgerichtet. Ich komme vom Dancefloor, auf den Tanzflächen der Discos in Frankfurt und Ibiza bin ich quasi groß geworden und für diese performe ich noch heute.

Hier soll sich meine Musik entfalten können!

Technik & Entwicklung: Die berühmten Turntables, mein Arbeitswerkzeug – an der Weiterentwicklung der Wiedergabemöglichkeiten war ich nie interessiert…

Die Abspieltechnik war ja viele Jahre lang gar kein Thema, da es für DJs sowieso ausschließlich Schallplattenspieler gab.

Das Mixen war und ist für mich essentiell. Ein Set nahtlos zu mixen, ist eine Herausforderung für jeden DJ, ganz besonders wenn es über mehrere Stunden geht. Für mich ist das mit sehr viel Kribbeln im Bauch verbunden, mit Ansporn und Nervosität. Ich würde sagen, meine Stärke ist das Improvisieren, immer wieder „Auf ein Neues“. Darauf hinzuarbeiten, sich in seinem Set so tief fallen lassen zu können, dass alles wie von selbst passiert ist eine leidenschaftliche Aufgabe. Wie auf einem Instrument spiele ich einfach los. Die Reibung der Platten kündigt dann immer wieder – mal schleichend, aber auch mal ganz plötzlich – die nächste Fuge an. Die Musik greift ineinander und dabei entsteht eine eigene Dynamik im Mix und auf der Tanzfläche. Energie, ja fast schon Magie macht sich breit und das ist der Moment, in dem sich alles verliert und man das Gefühl hat, genau jetzt – und genau hier – sind wir WIR!

Ich könnte mir meine Performance mit einen ‚Sync-Button‘ auf keinen Fall vorstellen, da würde mir die Spannung fehlen und noch etwas ganz Entscheidendes: der Spaß am Mixen! Auch bin ich kein Fan von Effekten und künstlichen Breaks. Sicher sind Spielereien mit dem Equalizer völlig normal und akzentuiert eingesetzt auch effektvoll, dennoch lege ich großen Wert darauf, dass die Musik, die ich spiele, keinerlei Nachbearbeitung, Edits oder dergleichen mehr braucht, sondern dass sie eine bestimmte Originalität bereits in sich trägt und immer ihren Charakter behält, ja mehr, ihn auch entfalten kann! Als Urheber und Produzent würde ich mich auch nicht wirklich freuen, wenn mein Song total zerschnitten und mit Effekten zugekleistert wird, was bleibt denn da noch von meiner Idee? Da vermischt sich heute ja vieles, der Produzent macht auf DJ und der DJ macht auf Produzent. Die Technik macht’s möglich!

Ich bin ein DJ, ein Selektor und Vermittler, meine Performance und meine Aufmerksamkeit gelten ganz meiner ausgewählten Musik und meiner Crowd – und dem Moment! Der Druck für leidenschaftliche DJs, die sich ganz der Musik, der Auswahl und der Qualität ihres Sets widmen, ist enorm gestiegen. Es wird heute einfach vorausgesetzt, als praktizierender oder werdender DJ schon eine Platte produziert zu haben. Gut, das kann natürlich helfen, doch was sagt das über die Qualitäten eines DJs aus???

Durch die technischen Errungenschaften, die auch von Produzenten und DJs angestoßen wurden, hat es der DJ als Selektor und Vermittler in seiner Position immer schwerer. Die Industrie hat umgerüstet und steht nun mit all den neuen Softwaretools und digitalen Möglichkeiten vor der Zerschlagung eines Kunsthandwerks, des Vinyl-DJings. Es besteht für die Musik durchaus die Gefahr, dass die Technik mehr und mehr in den Vordergrund rückt, aber die Verwendung von Effekten und DJ-Tools kann eben auch schnell auf Irrwege führen. Das Resultat könnte ein recht eintöniger Sound sein, statisch und dogmatisch. Der individuelle Zauber geht einfach verloren und der magische Moment wird durch Berechnung ersetzt.

Wer soll in so einem Setting heute noch gute und anspruchsvolle Songs schreiben? Wer braucht da noch Songs, Botschaften, Stimmungen in den Liedern, wenn austauschbare Beats den Ton angeben? Die ‚Bit-Producer‘ und die ‚Loop-‚ und ‚Effekt-Lap-Jockeys‘ haben uns natürlich auch neue Türen geöffnet, aber in der Masse, und vor allem in der ehrlicherweise oft nicht vorhandenen Klasse, geht dadurch wie sich diese Arbeitsweise nun durchsetzt, einfach zu viel verloren. Zumindest zuviel von dem, was auf dem Dancefloor wichtig ist.

Es waren doch immer die großen Konsens-Songs, die in den letzten Jahren die Szene geeint haben. Songs mit einem Anfang und einem Ende, mit einer Geschichte, einer greifbaren Stimmung: „Knights of the Jaguar“ ist hier sicher das Paradebeispiel. Solche Songs leben aber von einem entsprechenden Medium, das ihnen den Platz zur Entfaltung gibt. Nach der Bekanntmachung, dass die Produktion des genialen Schallplattenspielers Technics 1210 eingestellt wird, dürfte es immer schwerer werden, bei der aktuellen und mehr noch bei der kommenden Generation genau dafür ein Gespür zu wecken. Wie wäre es denn für einen Pianisten, wenn man ihn vor die Tatsache stellte, dass keine Klaviere und Flügel mehr hergestellt werden? Er könne aber natürlich gern noch mit E-Pianos spielen – die haben ja sowieso mehr Möglichkeiten! Traurige Nachrichten, nicht nur für Vinyl-DJs, denn langsam geht ein Stück unserer Kultur verloren. Ein wichtiges Stück, ohne das diese ganze Bewegung nicht so stattgefunden hätte.

„Put the needle on the record…“

(Criminal Element Orchestra / M/A/R/R/S)

Auch wenn es mir als Vinyl-DJ immer schwerer gemacht wird, meine Musik zu finden, freue ich mich auf die kommenden Jahre und darauf, für euch zu performen. Seht es mir bitte nach, wenn ich jetzt auch mal CDs spiele – das habe ich in der Vergangenheit ja hin und wieder auch schon gemacht und es wird sicher noch etwas mehr werden. Dennoch ist für mich Vinyl weiterhin die Königsklasse und ich werde es weiter unterstützen und veröffentlichen! Ich verstehe zwei Plattenspieler und ein Mischpult als mein Instrument und das schon seit 30 Jahren und daran soll sich auch nichts ändern. Mehr noch: ich würde mich freuen, wenn viele aus der aktuellen und auch der nächsten Generation genau diese Faszination für Sound, guten Klang, Songs und Stimmungen teilen und mir folgen würden.

Ich möchte mich für euer Vertrauen, eure Liebe, euer Interesse und euren Schweiß in den letzten 30 Jahren bedanken – There was always love in the air and there always will be!

Zum Glück ist meine Leidenschaft für die Musik und das Tanzen immer noch ungebrochen, so dass es auch in Zukunft mein größter Spaß sein wird, für euch on the decks zu performen!

Ich wünsche euch Frohe Weihnachten für eure Familien und Freunde und einen lauten (oder leisen), aber vor allem Guten Rutsch ins Jahr 11 des neuen Jahrtausends.

See you on the Dance floor – let’s dance!

Love,

Sven

P.S. Natürlich möchte ich euch auch noch viel mehr von meinen Gedanken und Erlebnissen in den letzten 30 Jahren erzählen. Mehr dazu später, vielleicht schon Ende 2011, ich arbeite bereits daran und werde euch auf dem Laufenden halten.

P.P.S. Bei Cocoon Artist Booking sind zu 80 % Vinyl-DJs unter Vertrag.