Weniger ist mehr: Niklas Thal

Von Vitus Bachhausen

Auch 2013 war wieder ein erfolgreiches Jahr für die elektronische Musik. Es scheint als hätte Wankelmut mit seinem Remix von Asaf Avidans „One Day“ im Jahre 2011 eine Welle losgetreten, die seitdem in regelmäßigen Abständen aus den Tiefen des Undergrounds kommend mit tosendem Trompeten- und Synthie-Brausen den Mainstream überflutet. Doch als genauso billig wie diese Metapher erwiesen sich seitdem auch die unzähligen Nachahmer, die das Internet mit vollkommen lieblosen und uninspirierten Eigenproduktionen kontaminieren. Beschleunigt wird diese Tendenz durch erschwingliche Low-Budget-Hard- oder Software zur Musikproduktion. So kann im heimischen Wohnzimmer schon für wenig Geld Studio-Atmosphäre geschaffen werden. Eine Garantie für gute Musik ist das allerdings nicht. Um euch die Suche nach den wahren Hoffnungsträgern zu erleichtern, hier ein kleiner Hinweis: Niklas Thal.

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Auch der erst 20-jährige Schweizer arbeitet mit kleinsten Mitteln, aber ganz im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten im Internet erschafft er daraus großartige Geräuschkulissen: Seine Kompositionen aus emotionalen Strings, atmosphärischen Synths und druckvollen Bässen klingen im Ohr wie poetische Hymnen an die Liebe zur Musik. „Ein ganz wichtiger Punkt ist für mich die Stimmung in einem Track. Aus diesem Grund mache ich meistens etwa 80 % eines Tracks in einem Stück, da ich dann einfach in dieser Stimmung bin. Am nächsten Tag kann das schon wieder anders aussehen.“ 

Und das ist deutlich hörbar. Mit sensiblem Feingespür und liebevoller Einfühlsamkeit behandelt Niklas Thal sein digitales Instrumentarium und arrangiert die entstandenen Tonspuren am Computer. Dabei schwört er seit Jahren auf den Sequencer „Fruity Loops“ und räumt ganz nebenbei mit dem kursierenden bösen Vorurteil auf, dass die Software nur für amateurhafte Produktionen zu gebrauchen sei. Ergänzt wird sein bescheidenes Home-Studio lediglich durch die Monitorboxen VXT 8 von KRK und ein Keyboard aus der MIDI-Schmiede AKAI. Meistens komponiert der junge Produzent jeden einzelnen Ton seiner Tracks sogar lediglich mit einer Computer-Maus und beweist so in vorbildlicher Manier, dass es kein pompöses Equipment braucht, um pompöse Soundkonstruktionen zu errichten. Durch genaue Kenntnis seiner Software ist es ihm möglich, einen Workflow aufrecht zu erhalten, mit dem er innerhalb von acht bis zehn Stunden einen Track komplett produzieren und mastern kann. Seine musikalische Intuition kommt ihm dabei immer wieder zu Gute: „Wenn es mir gefällt, mache ich weiter und dann läuft es von alleine. Ich bin dann total fokussiert und muss gar nichts mehr überlegen. Ich weiß einfach, was es als nächstes braucht.“ 

Dieser imposante Instinkt ist ihm möglicherweise vom musikalisch-versierten Vater vererbt und darauf aufbauend durch Klavierunterricht trainiert worden. Hierzu das Thal’sche Geheimrezept: „Ich würde mich auch ganz klar als Autodidakten bezeichnen. Ich hatte fast nie die Nerven dazu, mir Tutorials anzusehen. Für mich gab es immer nur üben, üben und üben.“ Außerdem vermittelte ihm seine 4-jährige Lehre als Elektroniker ein gewisses technisches Know-How über Filter, Frequenzen und Signalformen, von welchem er nach eigener Aussage bei der Produktion immer wieder profitieren kann. 

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Aus aktuellem Anlass ist darüber hinaus auch sein künstlerisches Pseudonym mit dem vielversprechenden Namen „experimenThal“ erwähnenswert. Auf Soundcloud wird er von nun an unter diesem Alter Ego parallel experimentelle Tracks veröffentlichen, die seiner Leidenschaft und Faszination für die facettenreiche Klangwelt der (elektronischen) Musik Tribut zollen sollen. Wir sind gespannt! 

Mindestens genauso gespannt sind wir aber auf die zukünftigen Pläne des Multitalents. Erst seit April 2013 produziert er Tracks zwischen 120 und 124 BPM und schon im Frühjahr 2014 werden auf dem jungen Hamburger Label 136 Grad Recordings einige seiner Produktionen, garniert mit den zugehörigen Remix-Versionen, auf zwei EPs releast, die sogar als Vinyl erhältlich sein werden.

Die Geschichte vom beeindruckenden Aufstieg des Niklas Thal kann also auch beispielhaft als eine Erfolgsgeschichte der modernen Musikindustrie gelesen werden: Aus dem florierenden Angebot an erschwinglicher Hard- und Software folgt ein wachsendes Angebot an Musik-Produktionen. Daraus resultiert zwar auch ein hoher Anteil an musikalischer Billigware, aber gleichzeitig auch ein hohes Angebot an musikalisch wertvollen Werken. In Kombination mit den Möglichkeiten des Internets und seiner (sozialen) Plattformen wie Facebook, Soundcloud und YouTube ergeben sich auf diese Weise perfekte Konditionen für Talente, die ihre Musik mit der Welt teilen wollen. Schön zu sehen, dass es Künstler wie Niklas Thal gibt, die die vorteilhaften Chancen unserer Zeit vollkommen ausschöpfen.