Her mit dem schönen Leben: Tanz in Richtung Meer

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Ich habe viele verschiedene Meinungen zum Her mit dem schönen Leben Festival gehört. Deswegen möchte ich vorab betonen, dass es eigentlich nicht möglich ist, ein Festival so zu gestalten, dass alle Besucher zufrieden sind. Wenn man von einem Festival mit dem Namen Her mit dem schönen Leben auf der deutschen Insel Rügen mit einem Line Up von Vertretern der neuen Technogeneration wie Blawan und Rodhåd bis hin zu Lexer hört, hat auch recht schnell jeder Musikliebhaber ein eigenes Bild vor Augen und gewisse Erwartungen. Damit machen sich dann alle Besucher auf den Weg und werden entweder zufrieden gestellt oder das Gegenteil tritt ein.

Einen unangenehmen Beigeschmack hinterließ das Security-Personal. Während einige der kahlgeschorenen Muskelberge noch versuchten sporadisch ihre (verfassungsfeindlichen) Tattoos abzukleben, trugen andere offen ihre neonazistische Welteinstellung zur Schau: vom Szenecode 88 über Eiserne Kreuze bis hin zu allen Arten von Runen. Betrachtet man außerdem die Hintergrundgeschichte von Prora, so wirkt die Situation noch zynischer. Die Veranstalter entschuldigten sich für teilweise unangenehmes „Feeling“ mit der Aussage, man hätte ihnen schlichtweg ins Gesicht gelogen. Zudem würde die verantwortliche Firma zur Rede gestellt und zur Rechenschaft gezogen werden. Dass es allerdings nicht nur ein unangenehmes Feeling war, sondern die Tatsache, dass jeder Festivalbesucher mit Erwerb des Tickets, der Getränke, etc. finanziell rechtsradikale Strukturen unterstützt hat, wird hierbei außen vor gelassen.

Nichtsdestotrotz war es durchaus möglich, auf dem Gelände ein schönes Wochenende  zu verbringen. Tagsüber hatte man draußen die Wahl zwischen drei Floors: der Brake, der Ruine und der Lichtung. Die Brake wurde überwiegend mit House beschallt, auf der Acts wie Detroit Swindle, Lexer und Avatism spielten. Der nette Hügel ermöglichte es, auf dem Gipfel zu tanzen und gleichzeitig die Aussicht auf’s Meer und den Strand zu genießen.

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Die Ruine war mit Dario Zenker, Blawan und Co. Anlaufstelle für Technoliebhaber. Die Visuals in dem leerstehenden Betonklotzgebäude hinter dem DJ-Pult rundeten nachts den Floor perfekt ab.

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Das Nachtlager oder wie ein Festivalbesucher sagte, das „Technozelt“, war mit Pflanzen dekoriert und hat bei Rodhåd im Zusammenspiel mit dem Nebel mehr den Eindruck eines Techno-Urwaldes erweckt.Auf dem Zeltplatz gab es einen kleinen Floor, die Lichtung, auf der mit Jacob Gröning, Daniela La Luz und Cuthead für jeden Geschmack etwas dabei war. Meinungen darüber, dass nachts die Open-Air-Floors geschlossen wurden, gehen auseinander. Da es Freitagnacht konstant durchgeregnet hat, war ich mehr erfreut darüber, dass es auch Möglichkeiten gab, im Trockenen zu tanzen. Hier hatte man die Wahl zwischen dem Depot und dem Nachtlager. Das Depot hatte leider mehr die Atmosphäre einer Großraumdisko. Gerd Janson, KiNK, Robag Wruhme, Bleak und Smallpeople hätten nach einen anderen Spot verdient gehabt.

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Wer bei der ganzen Feierei eine Pause gebraucht hat, konnte innerhalb von zwei Minuten Fußweg an den Strand und trotzdem noch die Musik der Brake genießen. Einen Punkt, den ich sehr schätze, betrifft die Sanitäranlagen. Da die ortsansässige Jugendherberge auch als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stand, konnte man, wenn man wollte, ausgeschlafen und frisch geduscht wieder in den Tag starten. Nicht jedes Festival kann mit warteschlangefreien Duschen und Toiletten in edlem Porzellan strahlen. Abgesehen vom musikalischen Programm, gab es außerdem die Möglichkeit, an einer Führung am Freitag und/oder Samstag über das ehemalige KdF-Seebad-Gelände teilzunehmen. Diese wurde von den Mitarbeitern des Prora Zentrum e.V. angeboten.

Auch internationale Künstler waren bei der Arbeit zu betrachten. Neben der Barke waren zwei 6*7 Meter große Wände aufgebaut, an denen sich fünf Künstler (SEPR, Donnie Danger, Zid Visions, Yuki Shiroi, Jak Rapmund) beim Livepainting ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnten.

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Insgesamt war das Her mit dem schönen Leben ein Festival, das sich abgesehen vom Security-Personal, sehen und hören lassen kann. Hier und da gibt es noch andere kleine, verbesserungswürdige Punkte. Allerdings muss man beachten, dass beim ersten Mal nicht immer alles glatt laufen kann.

Ich persönlich hatte ein wunderbares Wochenende. Highlights waren Rodhad, Blawan, KiNK und Samstag tagsüber die Brake.

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Fotos: Clemens Fischer, Jan Peters, Jonathan Camara, Heather Schmaedek

Text: Mareike Köhler