Mixify: Live-Streaming revolutioniert die Clubkultur?

Die Digitalisierung unserer Welt hat auch in der Clubkultur ihre Spuren hinterlassen. Eine ganze Szene organisiert und strukturiert sich plötzlich über das Internet. Insbesondere für Künstler haben sich so völlig neue Möglichkeiten und Reichweiten ergeben: Ihre Werke finden online verlässlich die zu erreichenden Zielgruppen und Fans können ihren Idolen so nah sein wie nie zuvor. Genau diese Beziehung zwischen Künstler und Publikum befindet sich auch weiterhin in einem unaufhörlichen strukturellen Wandel. Seit der Gründung im Jahre 2012 hat sich die Plattform Mixify vorgenommen, Fans und DJs auf der ganzen Welt noch näher zusammen zu bringen und zwar mittels Live-Stream. DJs können ihre Gigs via Mixify in die Welt ausstrahlen und das Publikum kann online dazu raven. Mit dem Service Mixify Clubcast sollen sogar exklusive Partys möglich sein, bei denen die Gäste im Club dem DJ per Video-Stream beim Musizieren in den eigenen vier Wänden zusehen können. Aber ist dieses Prinzip nun einfach ein kurzlebiger Trend oder doch eine ernstzunehmende Innovation?

clubcast

„Mixify is the ideal club online. You can DJ, chat and party all at the same time. Even better is that you can engage with your fans on a whole new level. AMAZING.“ – Fedde Le Grand

„The cool thing about Mixify is that famous DJs from around the world are allowing live streams of their performances. So, they may be in a club in New York, but you could stream in your home or in another club.“ – NPR

Das hört sich ja schon mal gut an. Aber welches Funktionsprinzip liegt diesem Dienst zu Grunde? Direkt von der DJ-Software aus wird der musikalische Output durchs Internet zum Ziel transportiert. Regulär bietet Mixify seine Streams allen Usern an, sodass jeder registrierte DJ sein Set zur freien audiovisuellen Rezeption preisgeben kann. Darüber hinaus aber richtet sich Mixify Clubcast speziell an Veranstalter, die an einem DJ-Booking der anderen Art interessiert sind. Hier spielt Mixify die Rolle des Dienstleisters und unterstützt den Veranstalter beim Booking, beim Marketing und beim Streaming. Auch die Infrastruktur – nämlich ein HD-Stream vom DJ zum Publikum und zurück – wird bereitgestellt und funktioniert angeblich tadellos. Lasst uns diese Idee aus dem Hause Mixify aber doch einmal fiktiv zu Ende spinnen. Was wird sich ändern?

Für die DJs erübrigt sich ein wesentlicher Teil ihres Alltags. Die Erfahrung der Reise an einen fremden Ort, in einen fremden Club, zu fremden Menschen fällt weg . Doch gerade diese Erfahrung macht doch auch maßgeblich das DJ-Dasein aus. Abgesehen von den Beschwerlichkeiten, die auf einem solchen Trip auftreten können, gibt’s immer wieder viel Positives zu erleben. Beispiel Networking: Bei den Gigs trifft man natürlich nicht nur auf das feierfreudige Publikum, sondern auch auf die Verantwortlichen und auf deren Freundesfreunde. So können sich schnell neue private und professionelle Wege ergeben. Wenn der DJ jedoch die eigenen vier Wände nicht verlässt, wird er einen erweiterten Horizont auch nicht zu Gesicht bekommen.

Ein weiteres essentielles Erlebnis, das plötzlich in den Hintergrund tritt, ist der direkte Kontakt und die Interaktion mit dem Publikum. Dass dieser Kritikpunkt kommen wird, hat Mixify wohl schon erwartet, denn auch die Übertragung wurde zweiseitig eingerichtet, sodass sich Publikum und DJ gegenseitig über den Bildschirm ‚in die Augen blicken’ können. Doch zugegebenermaßen ersetzt dieser virtuelle Kontakt den realen genauso wenig wie eine Nachricht per WhatsApp ein Gespräch unter vier Augen ersetzt. Genau wie die zwischenmenschliche Kommunikation abseits der Tanzfläche werden über die direkte Face-to-Face-Kommunikation zwischen DJ und Crowd wichtige Informationen transportiert. Egal ob einzelne Gesichter mit genüsslich geschlossenen Augen oder schmerzverzerrten Mienen, egal ob ekstatische Huldigungen oder empörte Beleidigungen, dem publikumslesenden DJ fehlen über einen Bildschirm wichtige Informationen, die in der Realität sein Set durchaus beeinflussen könnten. DJ und Producer Dixon bringt diesen Sachverhalt auf den Punkt:

„Die Grundlage ist, dass man verstanden hat, was es in einem Club für Settings gibt. Dass man erkennt: Das ist eine gute Anlage, hier kann ich auch die Platte XY spielen, mit der ich auf einer Schrottanlage gar nicht erst anzufangen brauche. Da wirkt es nicht. Dazu gehört auch, dass man sieht: Hier habe ich keinen Kontakt zum Publikum. […] Dieses Auseinandersetzen und Erkennen der Bedingungen, die man hat, sollte dazu führen, dass man als DJ mit der Situation, in der man sich befindet, auch in gewisser Weise umgeht.“ – Dixon

Dieser Prozess der Anpassung an die Umstände wäre via Stream nur erschwert möglich und könnte so Missverständnisse erzeugen.

Dem setzt Mixify in der Produktbeschreibung allerdings Folgendes entgegen:

„The crowd and artists see and interact with each other, providing a uniquely immersive experience.“ – www.mixifyclubcast.com

Nicht nur dass hier die Interaktion zwischen Künstler und Publikum beteuert wird, es soll sich sogar eine immersive Erfahrung dabei zutragen. Das heißt im Klartext: Trotz der Distanz tauchen die Zuhörerin in die vom Künstler erschaffene Klangwelt ein und der DJ wiederum geht mit dem Publikum eine rhythmische Symbiose ein. Diese fast schon utopische Vorstellung ist in einem virtuellen Setting jedoch nur schwer zu realisieren. Auch wenn das Medium des Streams hier zwischen den zwei Realitäten des Studios und des Dancefloors vermitteln und zu deren Verschmelzung führen soll, die Intimität, die zwischen gleichzeitig anwesendem DJ und Publikum besteht, kann in ihrer Intensität einfach nicht simuliert werden.

Da wir ja ohnehin ein Magazin sind, das nicht nur namentlich an der Zukunft orientiert ist, sollen Trends und Fortschritte auf dieser Plattform kritisch begutachtet werden. Statt also lediglich herauszustellen, was Mixify nicht leisten kann, soll nun betont werden, welche Möglichkeiten dieses Medium in sich hat.

Ein ganz pragmatischer Vorteil von Mixify Clubcast betrifft die Finanzierung des Bookings. Während die Promoter einer Veranstaltung üblicherweise bei einem Booking für Gage, Booking Fee, Anfahrt und Unterkunft des gebuchten Künstlers aufkommen müssen, lassen sich mit Mixify Clubcast signifikante Einsparungen erzielen. Die oftmals langen Reisen bis zu den Veranstaltungsorten und die teilweise anspruchsvollen Unterkünfte erweisen sich für das Budget nämlich nicht selten als schwarze Löcher. Fallen diese Faktoren aber weg, kann der Promoter auch in größere Bookings investieren, so einfach ist das.

Weiterhin soll nun ein mögliches Argument entkräftet werden, wonach ein Live-Stream ja kein authentisches Live-Erlebnis mehr sei. Auszeichnend dafür ist das Gefühl, im Moment der Klangerzeugung live dabei zu sein, zu erleben wie bei eigener Anwesenheit ein Ton erzeugt wird, der in seiner Machart jedes Mal aufs Neue individuell und nicht reproduzierbar ist. Diese substantiellen Attraktionen eines Live-Erlebnisses würden schlichtweg bei einem digital aufgezeichnetem und zeitlgleich übertragenem Stream fehlen, so die möglichen Kritiker. Doch jene Kritiker müssen sich von der Illusion befreien, dass ein gewöhnliches DJ-Set genau diese Erlebnisse bietet. Denn ein gewöhnlicher DJ, und das ist keinesfalls abwertend gemeint, nutzt Medien wie Schallplatte, CD oder Memory Stick, um aus mehreren Tracks ein kohärentes Set zu formen. Das ist sachlich, aber zunächst mal wahr. Tatsache ist auch, dass all diese Tonträger, egal ob analog oder digital, exakt determinieren, welche Töne beim Spielen erklingen. Damit erübrigt sich der Moment der einzigartigen Klangerzeugung, denn die auf den Tonträgern gespeicherten Töne, werden durch den mixenden DJ lediglich reproduziert. Das hört sich pessimistisch an, soll aber einfach darlegen, dass die Reproduktion des DJ-Sets durch den Stream eigentlich nur eine weitere Reproduktion in einer Kette medialer Speicherung ist, womit der Vorwurf mangelnder Authentizität schnell obsolet wird.

Vielmehr sollte sich ein solcher Stream von der bloßen Abbildung des DJs emanzipieren, um sein volles Potential auszuschöpfen und sich so als legitime Darstellungsform mit Alleinstellungsmerkmal zu etablieren. Dazu braucht das Medium einen Mehrwert gegenüber der üblichen Darstellunsgform, nämlich dem Live-Erlebnis. Um das zu erreichen, muss sich die Kamera von ihrer statischen Position, wie man sie aus den Boiler Rooms dieser Welt kennt, loslösen, um nicht mehr bloß eine perspektivische Kopie des menschlichen Auges zu sein. Ebendas formulierte Dziga Vertov, eine Ikone des sowjetischen Dokumentarfilms, bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in lebendigen Worten aus der Perspektive einer Kamera:

„Now and forever, I free myself from human immobility, I am in constant motion, I draw near, then away from objects, I crawl under, I climb on them. […] My path leads to the creation of a fresh perception of the world. I decipher in a new way a world unknown to you.“ – Dziga Vertov

Vertovs Forderung bezog sich damals zwar auf den umdynamischen Dokumentarfilm, zeigt hier aber aber ebenso auf, dass die Möglichkeiten in der speziellen Situation des Streams immer noch zu entdecken sind. So könnten die Kameras beispielsweise so platziert werden, dass der tanzende Zuschauer im Club ungewohnte Einblicke in die Handarbeit des DJs erhält. Das Set könnte darüber hinaus auch ansehnlich in Szene gesetzt werden, z. B. mittels Tiefenunschärfe, sodass dem Ganzen sogar noch eine ästhetisch wertvolle Dimension hinzugefügt wird. Eines steht aber fest: Auf diese oder andere Weise kann aus dem Live-Stream im Club trotz aller Kritik dennoch ein einzigartiges Erlebnis für die tanzenden Zuschauer werden.

Nun ist mit Mixify also ein kommerzielles Produkt auf den Markt gekommen, das unter Nutzung innovativster digitaler Technologien die Clubkultur revolutionieren will. Klar, der DJ muss auf die Erlebnisse des Reisens und des Publikumskontakts verzichten und die Intensität des Live-Erlebnisses ist demnach auch nicht simulierbar. Aber ganz abgesehen davon, dass gestreamte Bookings für den Promoter günstiger sind und ein DJ-Gig, wie gezeigt, ohnehin kein vollkommen authentisches musikalisches Erlebnis ist: Ein DJ-Live-Stream bietet noch ganz andere attraktive Erlebnisformen, die es zu entdecken gilt. Ob Mixify jemals soweit geht, die Kamera von ihrer Statik zu erlösen oder sogar andere Darstellungsmöglichkeiten findet, ist noch ungewiss. Vielleicht machen’s auch andere. Wir aber glauben daran, dass derartige DJ-Live-Streams zumindest das Potential hätten, während eines Sets neue Akzente zu setzen.

Ein Artikel von Vitus Bachhausen.