OFF Festival: „Die hören ja wirklich zu …“

Main Stage

Und nicht nur das: Die trinken auch noch wenig, nehmen kaum Drogen und reden nicht während der Auftritte. Könnte es sein, dass es hier beim OFF Festival wirklich nur um die Musik geht? Zumindest preisen die Organisatoren das Kohlenpott-Double Katowice – zu Deutsch Kattowitz – als Kulturzentrum an. Bei dem heruntergekommenen Aussehen und der Menge an Baustellen bleibt ihnen wahrscheinlich nichts anderes übrig. Das macht umso mehr der Charme der Polen wett.

Ob die Leute einfach nur gelangweilt und langweilig sind oder wirklich wegen der Musik ins „Three Pond Valley“ gereist sind, bleibt zu Beginn des ersten Tages unklar. Zumindest tanzen sie nicht, sondern starren auf die Bühne, höchstens der Kopf wiegt im Takt. Aber sie reden auch nicht. Saufen nicht einmal. Stattdessen scheinen sie echt zuzuhören.

im abgesperrten Ess-Trink-Bereich

Das OFF Festival bietet seinen Besuchern hauptsächlich verschiedene Post- oder Subgenres von Rock. Da obskure Bands mit mindestens zwei Gitarren nicht unbedingt mein Ding sind, bemühe ich mich, die davon abweichenden Acts zu finden. Das Suchen ist nicht so schwer, wenn nur auf zwei von vier Bühnen gleichzeitig gespielt wird. Grund: Damit die Besucher so viele Acts wie möglich sehen können. Andere Beschäftigungsmöglichkeiten sind Biertrinken im abgetrennten Bereich, Essen im abgetrennten Bereich, Tanzen im abgetrennten Disco-Bereich, Chillen im abgetrennten VIP-Bereich. Das soll verhindern, dass die ziemlich zahmen polnischen Massen das Festivalgelände zu sehr vermüllen. OFF hat einen Preis für Nachhaltigkeit gewonnen.
Der erste nennenswerte Act des Tages: The Dumplings. Ein Mädchen mit Zahnspange und ein Junge ohne Bartwuchs auf den Backen sind wirklich noch überrascht, dass die Zuschauer mitklatschen. Im Land der vielen Konsonanten sind The Dumplings im wahrsten Sinne des Wortes kleine Stars. Dennoch lässt ihr noch etwas simpler Electropop einiges an Entwicklung zu. Hier sehe ich ein paar Zuschauer die Füße bewegen.

Eine kurze Stippvisite bei den Punkrockern von Cerebral Ballzy („What a lovely town Poland is“) überzeugt mich, innerhalb von Sekunden den Foodcourt aufzusuchen. Dort gibt’s polnische Haute Cuisine, so wurde mir versprochen. Dass Burger, Crèpes und Pommes dazugehören ist mir neu, aber ich kann mich damit durchaus anfreunden.

Ein kurzer Besuch bei Perfume Genius (so wispernd und wimmernd, dass selbst das Punkerpaar vor mir sentimental wird und der Soundcheck von der nächsten Bühne lauter als sein Gesang ist) überzeugt mich fast davon, meiner Ex eine SMS zu schreiben. Nach diesem Bad in triefenden Gefühlswelten braucht es keine fünf Minuten zum Gegenteil: die Hip-Hopper von Clipping bringen das erste Mal an diesem Tag die Massen in Ekstase. Schnelle Raps, rücksichtslose Reime und ganz, ganz viel kakophonischer Lärm. Der Frontmann verlässt zwischendurch für fünf Minuten die Bühne und die zwei Beatschmiede hinterm Pult zeigen dem Publikum mal, was Ohren so aushalten können und in diesem Fall müssen. Das Zelt mit Bühne ist prall gefüllt, draußen regnet es und drinnen geht es endlich mal so richtig ab.

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Der zweite Tag beginnt mit dem Polen L.A.S. Der liefert ziemlich simple Beats und tiefgreifenden Gesang – leider nur auf Polnisch. Dank Publikumsreaktionen schließe ich, dass die Lyrics ganz gut sind. Weiter geht’s mit der New Yorkerin/Puerto Ricanerin/Kubanerin Xenia Rubinos, deren Gesang und Synthesizer-Klavier-Melodien genauso wild daherkommen wie ihre Show. Zwischendurch klaut sich die Dame vom Schlagzeuger die Hi-Hat und, nun ja, prügelt hemmungslos darauf ein.

Mit Folk-Fiedler Frank Fairfield mache ich noch einen kurzen Abstecher in den Wilden Westen, laufe dann an der Hauptbühne vorbei und höre die ganz alltäglichen Soundcheck-Probleme von The Notwist („Mann, jetzt ham wir gar keinen Strom…“). Später reißen sie die Menge mit ihrem Spießer-Rock mit.

Es folgt die Entdeckung des Tages: der Pole Noon legt einen hypnotisierenden Auftritt hin, obwohl er höchstens aufschaut, um mal kurz zwischen seinen Songs ein paar Sätze zu sagen. Ansonsten: Hände an Knöpfchen und ein im Takt nickendes Köpfchen.

Sitzendes Publikum am Nachmittag im Zelt - Experimental Stage

Der dritte und letzte Tag beginnt mit den Polen Die Flöte, deren Name hier niemand versteht und den sie selbst nicht aussprechen können. Im Zelt des „Expermiental Stage“ reise ich etwas später mit Stefan Wesolowski ins Tieftranceland. Der Pole bringt seinen Mac, seine Geige und ein paar Musikerfreunde mit. Das Ergebnis: Moderne klassiche Musik und ein sitzendes Publikum mit geschlossenen Augen.

Auf Empfehlung anderer Musikjournalisten entschließe ich mich dazu, mir Andrew W.K. reinzuziehen (anders kann man das nicht nennen). Der weißgekleidete Brite mit Riss im Schritt sagt öfter „Party“ als er Akkorde anschlägt. Und letzteres tut er ziemlich oft. Die Menge bedankt sich mit euphorischen Grinsegrimassen und hemmungslosen Tanzmoves.

Später spielt noch Festivalgründer und –organisator Artur Rojek höchstselbst auf. Da das noch nicht außergewöhnlich genug ist, holt er sich noch schnell einen Chor auf die Bühne. Die Emotionalität der nachfolgenden Shoegaze-Legenden Slowdive überbietet er trotzdem nicht. Jeder noch so verzerrte Gittarenklang, jedes noch so gehauchte Wort von Sängerin Rachel Goswell jagt der Menge von tausenden Menschen einen wohligen Schauer den Rücken hinunter. Für mich ein gelungener Abschied von freundlichen Polen, musikalischen Entdeckungen und der unaufgesetzten Alternativität des OFF Festivals. Dziekuje – oder so ähnlich!

Text: Frederik Gremler