trndmsk Podcast #41 – Marc DePulse

Podcast #41 - Marc DePulse

Wer die Entwicklung des DJs und Produzenten Marc DePulse über die Jahre verfolgt hat, der kommt um den Titel „Westbalkon“ nicht herum. 2012 – Aufbruch einer Ära, in der plötzlich deutsche Texte mit elektronischer Musik vermischt wurden und vorneweg dieser Spätsommer-Ohrwurm, der sicherlich auch noch in diesem Sommer bei unzähligen Open Airs gespielt wird.

Diskrepanzen eines Daseins. DePulse ist seit 15 Jahren in der Szene als DJ und Produzent aktiv, definiert seinen eigenen Sound als Dirty Deep DePulse. Wenn man dem Leipziger im Club zuhört, dann stellt man schnell fest, dass da wenig Platz für Kuschelmusik ist. Das Spektrum reicht von Minimal bis zu Tech-House und Techno. „Wer meine Musik über die Jahre verfolgt hat, weiss, dass ich immer sehr abwechslungsreich produziere, kein festes Genre habe“, so der Leipziger.

Mit trndmsk sprach der Labelbetreiber und Musiker über die vergangenen Jahre, seine drei Labels und was demnächst von ihm kommen wird. Ausserdem mixte der Produzent den 41. Podcast!

trndmsk: Marc, Dein eigenes Label, JEAHMON! Records, hat gerade die elfte Katalognummer rausgebracht: „My Daily Keys“ von Dir selbst. Wie war das Feedback bislang auf die Nummer und den dazugehörigen Remix?

Marc DePulse: Das Original habe ich im Laufe des Sommers schon etliche Male gespielt. Wie man das immer so macht: erst einmal testen, bevor man es rumschickt und veröffentlicht. Von Beginn an hatte ich aber ein sehr starkes Feedback auf die Nummer bekommen. Dass Dave Seaman dann noch einen Remix beisteuerte, hat mich sehr gefreut. Mit ihm stehe ich schon länger in Kontakt, und er ist ja im Bereich Techno und House eine wahre Legende. Sein Remix ist ein fettes Tech-House-Tool geworden – genau so, wie ich es erwartet habe. Funktioniert natürlich im Club absolut großartig.

Was bedeutet es eigentlich, ein eigenes Label zu betreiben? Hast Du ein richtiges Konzept, oder hörst Du viel mehr nach Deinem Bauchgefühl?

Nach Pimprinella und Westbalkonia ist JEAHMON! Records das dritte Label, was ich jemals ins Leben gerufen habe. Ersteres endete mit Katalognummer zehn, Westbalkonia repräsentiert unseren Deutsch-Pop-Sound und JEAHMON! ist das, was ich mit Marc DePulse verkörpern möchte. Das Schöne an so einem Label ist, dass man sich musikalisch austoben kann, braucht dazu natürlich einen guten Querschnitt aus dem richtigen Konzept und einem guten Bauchgefühl. Oberste Prämisse: Nur was mir gefällt, wird auch veröffentlicht. Ein Release aus politischen Gründen habe ich noch nie gemacht – also mit anderen Worten: Einen bekannten Act oder kommerziellen Track veröffentlichen, nur um Geld zu verdienen. Das entspricht nicht meiner Philosophie oder anders gesagt: Das hat dann nichts mehr mit Kunst und Leidenschaft zu tun.

Also stehen für Dich Kunst und Leidenschaft über den finanziellen Ertrag? Verstehst aber Du Kollegen, die aus politischen Gründen Tracks von bekannten Acts rausbringen? Kannst Du das nachvollziehen?

Ich habe mir immer gesagt: „Wenn dich irgendwann einmal die Leidenschaft verlässt, dann kannst du damit aufhören.“ Ich hoffe, sie verlässt mich nie. Dafür macht das Ganze auch viel zu viel Spaß. In einem Zeitalter, wo jeder ganz einfach am PC Musik produzieren kann, ist es aber schwer, mit reiner Kunst alleine zu überleben. Es sind vielleicht 1 oder 2 % aller DJs und Produzenten auf dem Planeten, die von ihrem Tun und Schaffen leben können, ohne noch einem anderen Job nachzugehen. Jeder, der an diesem Punkt angekommen ist, weiß, dass man mit Liebe und Kunst allein keinen Blumentopf gewinnen kann. Ich respektiere generell jeden, der mit seiner Musik Geld verdient. Sei es nun Underground oder Kommerz. Wenn es einfach wäre, würde es nämlich jeder machen und egal in welchem Style man sich nun bewegt: Es steckt überall viel Arbeit dahinter. Von daher will ich das gar nicht weiter werten. Ich denke, es hat einfach auch viel mit subjektivem Empfinden und dem eigenen Geschmack zu tun.

Du sagtest, dass Pimprinella nach der zehnten Katalognummer endete. Warum? War das schon vorher Dein Plan?

Pimprinella hat eine Phase der elektronischen Musik bedient, die man als Püppi-House bezeichnen konnte. Das Logo hat es ja auch zum Ausdruck gebracht. Es war das kurze Zeitalter der Edits. Aber so schnell wie das Wort Edit einen schlechten Ruf bekommen hat, so schnell ist der Hype auch wieder verschwunden. Irgendwie, weil es jedem nur noch auf die Nerven ging. Pimprinella hat da aber gut reingepasst. Ich habe mit dem Label einen Querschnitt aus hippen Deep-House und bekannten Samples repräsentiert und dabei viele Perlen ans Licht gebracht – unter anderem mit Rico Puestels Track „Volute“, der ja sogar dieses Jahr noch einmal hochgeholt wurde auf dem SMS-Sampler – gemixt von Oliver Schories. Als die Zehn dann draußen war, habe ich überlegt, wie es weitergehen soll. Ich habe ein externes Angebot ausgeschlagen, mein Label zu verkaufen. Das wollte ich nicht, es wäre aber auch deutlich in die kommerzielle Richtung gegangen. Dafür steckte mir aber zu viel Herzblut drin. Also habe ich beschlossen, mit der Zehn alles zu beenden – frei nach dem Motto: “Wenn es am Schönsten ist, sollte man aufhören.”

Jeder kleine und anfängliche DJ oder Produzent träumt davon, mal sein eigener Chef zu sein. Was bedeutet es, selbständig zu sein?

Du bist rund um die Uhr im Auftrag deiner selbst unterwegs. Selbständig sein bedeutet vor allem so ziemlich alles um dich herum aufzugeben und von Montag bis Sonntag für deinen Traum (andere nennen es Job) zu leben. Im Grunde hast du vom Aufstehen bis zum schlafen gehen nichts anderes als Musik im Kopf. Aber das ist ja auch der Traum eines Jeden, der sein Hobby lebt und liebt. Einen Job, wo du früh aufstehst und auf dem Weg zur Arbeit vor lauter Lustlosigkeit ins Lenkrad beißt, habe ich hinter mir gelassen und bin heute über jeden Tag dankbar, in dem ich mich verwirklichen kann.

Kann man diesem selbstständigen Leben als Musiker dauerhaft nachgehen? Oder ist dann irgendwann mal auch Schluss?

Hm: „Tippe den kompletten Bundesliga-Spieltag für nächste Woche.“ Mit anderen Worten: Wenn man das vorher wüsste, könnte man es planen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber es ist eine Frage, die uns alle beschäftigt. Elektronische Musik erlebt seit vielen Jahren einen sehr großen Hype, auch irgendwie bedingt durch die EDM-Kultur, wenn man das überhaupt als Kultur bezeichnen möchte. Dennoch können wir Techno- und House-DJs alle sehr froh darüber sein, dass die Musik vor einigen Jahren in unsere Richtung abgebogen ist. Davon profitiert die ganze Szene und auch wenn sich viele über EDM aufregen und lustig machen, so kann man doch glücklich sein, dass elektronische Musik heute viel mehr wahrgenommen wird, als sie es vielleicht jemals wurde. Ich stelle mir häufig mit Freunden die Frage, was wir im Alter einmal hören werden. Die Antwort liefern aber eigentlich schon unsere Eltern. Wenn sie mal alleine sind und in ihrer Sektlaune ein Gläschen nach dem anderen trinken, dann dröhnt laut 1960er und 1970er Jahre Musik aus den Boxen. Ich denke, wir werden auch im hohen Alter noch Techno hören. Allein die bildliche Vorstellung zaubert mir gerade ein Grinsen ins Gesicht. Ich hoffe also, dass nicht so schnell Schluss sein wird mit der Selbständigkeit. Wie so häufig im Leben hat man das in der eigenen Hand. Wer ehrgeizig und fleißig ist und sich ständig neu erfindet, der wird noch sehr lange damit glücklich sein.

Du hast vor paar Wochen geschrieben, dass Du irgendwann Dein altes Leben hinter Dir gelassen und alles auf das Leben als Produzent und DJ gesetzt hast. Bereust Du manchmal Deine Entscheidung? Oder bist Du vollkommen glücklich?

Ich bereue diesen Schritt keine Sekunde und ich bin sehr glücklich in diesem neuen Leben. Er war aber auch folgerichtig. Zum einen finanziell, denn wenn du nebenbei arbeiten gehst und dazu noch in Selbständigkeit lebst, wird am Ende des Jahres alles in einen Topf geworfen, und du wirst komplett besteuert, da kennt das Finanzamt keine Gnade. Und zum Anderen körperlich: Als ich noch 20 war, konnte ich das ganze Wochenende feiern und Montag wieder frisch, fromm und fröhlich auf der Arbeit sitzen. Heute, 15 Jahre später, geht das nicht mehr. Die Regeneration dauert viel länger, jedes Wochenende kostet Kräfte. Okay, jetzt klinge ich wie ein alter Mann.

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Heisst das, dass das DJing für Dich am Anfang eher mehr Spass als Arbeit bedeutete?

Ich habe 1999 angefangen, eigene Musik zu produzieren. Mit dem Auflegen habe ich erst 2003 begonnen, aber eigentlich nur aus Spaß, nicht weil ich es machen musste. Der Nightlife-Typ war ich nie, aber da bin ich reingewachsen. Als Arbeit würde ich das DJ-Dasein nicht bezeichnen, zumindest wenn man die reine Auflegerei betrachtet. Es ist schon etwas großartiges, auf der Bühne zu stehen, seine eigenen Tracks zu spielen und zu sehen, wie die Leute dazu abgehen. Da kann man auch unendlich müde sein, aber in solchen Momenten schießt dir so viel Adrenalin durch den Körper, dass du dir nichts schöneres auf der Welt vorstellen kannst, als nur noch aufzulegen. Aus dem anfänglichen Spaß wurde später ein Hobby und daraus schließlich ein Beruf. Ich denke, so kann man es stehen lassen.

Hattest Du schon häufiger eine kreativlose Phase? Falls ja: Wie bist Du damit umgegangen?

Ja, die habe ich eigentlich immer mal. Heute gehe ich im Vergleich zu damals aber ganz entspannt damit um. Es ist ja im Grunde eine Kopfsache. Meistens hilft es, die Technik einmal komplett abzuschalten und raus zu gehen. Freunde treffen, spazieren gehen, was gutes Essen, Sport treiben. Ich fahre z. B. sehr gerne Fahrrad, um den Kopf frei zu bekommen. Manchmal hilft ein kleiner Tapetenwechsel, eine Reise in ferne Gefilde und sich mal richtig verwöhnen lassen. Aber es gibt diese Momente, wo du am Liebsten alles hinschmeißen möchtest. Das ist aber völlig normal, und das macht das Künstler-Dasein ja auch spannend. Es setzt Reizpunkte, und die sind sehr wichtig im Leben eines Kreativen. Es sensibilisiert und spornt dich an, an dir zu arbeiten, bessere Musik zu produzieren.

Das besondere an Dir, das wir schon angesprochen haben: Du betreibst ein Blog. Dort schreibst Du über den Alltag eines DJs, das Publikum oder die Selbstständigkeit als Musiker. Wie kam es dazu, dass Du das Erfahrene aufschreiben wolltest?

Ich habe vor ca. 15 Jahren das Portal myownmusic.de von der Geburtsstunde an redaktionell betreut und aufgebaut, habe damals schon viele Storys und Interviews mit Künstlern gemacht und Rezensionen zu Musikstücken verfasst. Das Schreiben macht mir einfach sehr viel Spaß und ist eine gute Abwechslung. Dass man dann die eigenen Erlebnisse auf diese Art dokumentieren und so auch reflektieren kann, ist auch wie eine Art Fotoalbum. Erst diese Woche habe ich meinen Blogeintrag aus der Ukraine wieder durchgelesen. Manches vergisst man ja über die Zeit, da ist es schön, immer mal wieder im eigenen kleinen Tagebuch zu schmökern.

Sollten mehr DJs oder Produzenten ein Blog führen?

Dann würden ja alle nur noch lesen und schreiben. Nein, nein, denn Schuster bleib bei deinen Leisten. Jeder sollte das machen, was er gut kann und was ihm Spaß bereitet. Ich lese natürlich auch gerne andere Blogs – gerne auch Szenefremde.

Darüber hinaus hast Du mit How I Met The Bass Anfang 2015 eine Podcastserie ins Leben gerufen. Was war der Anlass dafür? Und gibt es nicht eigentlich schon genug Mixreihen?

Absolut! Da es Podcastreihen wie Sand am Meer gibt, wollte ich mal etwas Anderes machen. How I Met The Bass erzählt Geschichten. Wie es der Name schon sagt: Wie ist man zur elektronischen Musik gekommen? Ich lade mir einmal im Monat einen meiner Lieblingskünstler ein, mir genau diese Geschichte musikalisch in einer Stunde zu mixen. Tracks, die den Künstler damals inspiriert und bewegt haben, bis hin zu den Sachen, die man heute spielt und produziert. Ich entdecke mich in vielen der bisherigen Sets gut wider, finde aber auch selbst einige Perlen, die damals scheinbar an mir vorbei gegangen sind.

Seit Ende 2014 spielst Du ausgewählte Gigs b2b mit Ron Flatter. Wie kam es dazu? Und wie oft tretet Ihr beiden gemeinsam auf?

Ron und ich kennen uns schon ca. zehn Jahre. Er hatte mich letztes Jahr zu seiner Pour La Vie-Labelnight ins tolle Charles Bronson nach Halle an der Saale eingeladen. Völlig spontan haben wir an dem Abend back2back gespielt, weil wir ja auch so viele gemeinsame musikalische Schnittpunkte haben. Eigentlich war das nur aus Spaß, aber dass der Abend so überragend lief, hätten wir nicht gedacht. Vor allem nicht, dass unser beider Musik wie die Faust aufs Auge passt. Danach habe ich mit Ron noch einige Gigs zusammen gespielt. Es macht richtig viel Spaß, aber wir wollen es auch nicht übertreiben und diese b2b-Geschichte eher rar halten. Aber, Kalender raus: Unser nächster b2b-Gig wird am 2. Januar 2016 im Berliner Sisyphos sein!

Wie wir nun festgestellt haben, bist Du DJ, Produzent, Labelbetreiber, Blogger, Mitglied von Westbalkonia und Betreiber einer Podcastreihe. Bist Du ein Allroundtalent? Und was kommt als nächstes?

Bundeskanzler. Ich denke, ich bin jetzt soweit. Nein, im Ernst. Ich denke, ich habe genug um die Ohren. Von daher wünsche ich mir einfach nur mehr Freizeit und an jedem tollen Ort, wo ich als DJ spiele, auch mal ganz entspannt ein oder zwei Tage hinten dran zu hängen.

Was steht in den kommenden Monaten bei Dir an? Sind weitere Release bereits in Planung?

Ich habe gerade eine ganze Reihe an neuen Tracks fertig produziert und bin Stand heute noch gar nicht in der Lage, zu sagen, wo ich diese Tracks alle veröffentlichen werde. Auch ich gehe den normalen Weg und verschicke Demos. Um so länger man in der Szene ist, desto mehr ist es natürlich vom Vorteil, dass man viele A & R und Labelbetreiber persönlich kennt, daher ist der Dienstweg ein kurzer. Aber überall gilt die selbe Faustregel: Qualität setzt sich am Ende durch. Nur weil man sich kennt und mag, ist noch keine Release gesichert. In regem Austausch bin ich gerade mit Noir (Noir Music) und Dave Seaman (Selador). Vielleicht wird man den ein oder anderen Track demnächst auf ihren Labels wiederfinden.

Tracklist:

01. Johannes Brecht – Nuages
02. Terranova, Bon Homme, Lydmoor – Skin & Bones (Karl Friedrich Remix)
03. Whilk & Misky – Clap your hands (Solomun Remix)
04. Flo MRZDK & Disha – Moments (Ruede Hagelstein Remix)
05. D-Nox & Beckers – Secret Games
06. Noir – Lumiére Brillante
07. Monte – Radical
08. Terranova – Kepler 186F (186Fetisch Mix)
09. HVOB – Tender skin (DJ Tennis Remix)
10. Nils Frahm – Says (Monolink Edit)
11. Eagles & Butterflies – Sounds of colours

Alternativer Download-Link
(MP3, 320 kBit/s, 1:03:55 Min., 146,7 MB)

  • Stimmiges Teil.

    Danke.

    Cheers,
    B

  • Ben Phipps

    Amazing vibes!