Viktor Talking Machine: „Halle schmeißt einem keine Steine in den Weg, sondern fördert unsere Kultur“

Viktor Talking Machine

„Viktor wuchs in einer musikalischen Familie am Rande eines kleinen Bergdorfes auf. Früh entdeckte er seine Liebe zur Natur und zu analogen Klangwelten. Dadurch saugte er alle Geräusche, die die Natur und die Weiten der antarktischen Wildnis erzeugten auf und destillierte daraus seinen tiefen Sound, der ihn bis heute begleitet.“ So beschreibt sich das Duo Viktor Talking Machine am liebsten selbst. Wir sprachen mit den beiden Musikern aus Halle an der Saale über ihre Stadt, das DJing – und warum Monaberry für sie mehr als nur ein Label ist.

trndmsk: Hinter jedem DJ – und in eurem Fall Duo – steckt eine andere Geschichte. Was hat euch an die Wheels of Steel gebracht und gehalten?

Viktor Talking Machine: Wir haben in unterschiedlichen Cliquen angefangen, aufzulegen. Irgendwann haben wir dann Partys zusammen veranstaltet und festgestellt, dass wir die gleiche Auffassung von einer gelungenen Abendgestaltung haben. Aber insbesondere die Liebe zur Platte hat uns von Anfang an verbunden. Beim Auflegen fordern und überraschen wir uns dann gerne. Dann werden Platten rausgesucht, die der andere noch nicht kennt, um ihm entweder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder auch für Schweißperlen auf der Stirn zu sorgen, weil die Auslaufrille immer näher rückt.

Ihr kommt aus Halle an der Saale und lebt und produziert dort auch. Nimmt die Stadt Einfluss auf euer kreatives Schaffen?

Halle ist für uns mehr als nur reiner Wohnort. Wir haben hier eine lebendige Clubkultur mit Menschen, die ihre ganze Energie in elektronische Musik stecken – ohne finanziell davon leben zu können. Man merkt, dass alles mit viel Herzblut betrieben wird. Weil regelmäßig neue Studenten nach Halle kommen, gibt es auch immer wieder neuen Input. Plätze zum Ausleben gibt es genug, und die Stadt schmeißt einem keine Steine in den Weg, sondern fördert mit einem in Deutschland noch einmaligem Open-Air-Gesetz diese Kultur. Halle hat eine überschaubare Größe. Das heißt, die Wege sind sehr kurz und man trifft sich ständig – gewollt oder ungewollt. Durch die vielen Musiker in der Szene können wir uns regelmäßig austauschen, sei es mit Ideen oder Hardware. Es wäre noch schön, wenn es einen Plattenladen geben würde oder einen Store für Synthesizer. Aber Berlin ist ja mit dem Zug auch nur eine gute Stunde entfernt, sodass man die fehlende Infrastruktur auch mal durch einen Besuch in der Mutterstadt wettmachen kann.

viktor_04

Hört man sich eure Livemitschnitte an, könnte man denken, ihr seid in ganz unterschiedlichen Genres beheimatet. Was liegt euch musikalisch besonders am Herzen?

Da wir gerne fünf Stunden oder länger spielen, wollen wir den Hörer mit auf eine Reise nehmen. Wir möchten eine Geschichte erzählen und unserer Meinung nach ist es wichtig, diese Geschichte so interessant wie möglich zu gestalten. In der Zeit, in der wir spielen, kann viel passieren. Die Musik, die dabei die Plattenteller verlässt, soll überraschen und nicht vorhersehbar sein. Gähnende Langeweile zu erzeugen, wäre für uns das Schlimmste. Außerdem gibt es viel zu viel gute elektronische Musik, die es verdient hat, gespielt zu werden – auch abseits von 120 BPM Tech-House. Am Ende der Reise soll der Hörer im besten Fall sowohl ein neues musikalisches Lieblingsstück mit nach Hause nehmen als auch jemand anderen, damit er nicht so alleine ins Bett gehen muss.

Vor Kurzem habt ihr eine eigene Podcastreihe gestartet. Was steckt hinter der Idee, und was habt ihr mit der Reihe vor?

„Music With Sleeves“ ist schon lange ein Wunsch von uns und hat sein Dasein viel zu lange in unserer grauen Rinde verbracht. Wir sind oft gelangweilt von den immer gleichen Sets, mit den immer gleichen Tracks. Und wer bitte hat gesagt, dass jedes Set mit elektronischer Musik genau eine Stunde lang sein muss? Wir wollen einfach Platten spielen, die wir schätzen und die uns musikalisch überraschen, ohne dabei großes Namedropping zu betreiben. Natürlich ist es ein reiner Vinyl-Podcast und das soll auch so bleiben. Bis jetzt ist geplant, dass es eine Spielwiese für uns alleine ist. Aber vielleicht erweitern wir das auch und schauen mal, wer da für uns in Frage kommt, um die Reihe aufzuwerten.

Wie geht ihr im Allgemeinen an Sets ran? Wie bereitet ihr euch vor?

Die Vorbereitung ist bei uns immer sehr intensiv, da wir unsere Plattentaschen jedes Mal neu packen. Wir bereiten uns auf die Location vor und schauen uns die Playtime an. Die Plattentasche sieht bei einem sechsstündigen Stunden-Warm-Up anders aus als bei einem genauso langen Closing-Set. Die Physik begrenzt uns natürlich auch in der Anzahl der Tonträger. Wir überlegen also sehr genau, welche Scheibe mit auf die Reise geht. Das sieht dann so aus, dass wir den ganzen Donnerstag den Plattenschrank durchwühlen. Wir verbringen außerdem täglich mindestens eine Stunde damit, Platten zu hören, um den Anfang und das Ende kennenzulernen. Das Set an sich muss wie guter Sex sein. Im Idealfall hat es einen schönen Vorspann und arbeitet sich dann zum Höhepunkt vor. Wobei der Abspann genauso wichtig ist, weil die letzten Stücke dem Hörer im Gedächtnis bleiben.

Auf eurer Facebook-Page sieht man „Track of the Week“-Videos – mit Empfehlungen eurerseits. Was wäre jetzt schon jeweils euer „Track of the Year“?

Ein Track, den wir total gerne selber gemacht hätten, ist „Wonky Bassline Disco Banger“ von Red Rack’em (BERG005 | Bergerac). Ein Werk, das immer alle zum Ausrasten bringt. Entdeckt haben wir die Scheibe versteckt auf der Groove-CD, die regelmäßig in unser Autoradio wandert. Das Stück davor ist eine 1980er-Pop-Synthie Platte, die gemütlich vor sich hinrollt. Bis die „Wonky“-Bassline kommt. Die hat uns die Fahrer-Mate ins Gesicht gedrückt. Und wenn wir egoistisch sein dürfen, dann auf jeden Fall Plastik. Ein Track, den wir zusammen mit den Jungs von Super Flu produziert haben und der uns sehr am Herzen liegt. Auch weil das Feedback von Kollegen und Hörern überwältigend war und wir niemals gedacht hätten, dass diese 7:22 Min. solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Viktor Talking Machine

Ihr steht dem Monaberry-Kollektiv nahe, kann man sich das ganze eigentlich eher familiär vorstellen?

Monaberry ist für uns auf jeden Fall mehr als ein Label, auf dem wir releasen. Uns verbindet eine enge Freundschaft. Die Philosophie hinter Monaberry ist ja auch, nur ausgewählte Sachen zu veröffentlichen und nicht jede Woche ein Release rauszuhauen. Das bedeutet, dass man sich intensiv mit den Künstlern beschäftigt und wenn am Ende noch Freundschaften entstehen, ist das für alle ein Gewinn. Wir glauben, Monaberry ähnelt eher der Familie als einer reinen Firma. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Individualität des Künstlers immer im Vordergrund stehen sollte und letztendlich die Musik das Wichtigste ist.

Wohin treibt es euch produktionstechnisch als nächstes?

Kurzfristig arbeiten wir gerade an drei EPs, die noch eine Heimat suchen und den letzten Schliff vertragen. Also schauen wir uns ein paar Labels an und sind gespannt, wen wir glücklich machen können. Die Reise wird mittelfristig Richtung Longplayer gehen, weil unser Output so groß ist, dass wir das auch stemmen können. Und weil wir einfach Bock drauf haben. Rein musikalisch haben wir ehrlich gesagt kein Ziel, sondern lassen uns einfach treiben und machen das, worauf wir Lust haben.

Was steht sonst so bei euch an?

Abgesehen vom täglichen DJ-Wahnsinn, wöchentlichem Fußballtraining und abendlichen Minecraft-Runden muss einer von uns noch seine Masterarbeit fertig kriegen und diese veröffentlichen. Eine Publikation über die elektronische Musikszene in Halle und die Entwicklung der letzten 25 Jahre dort. Hinzu kommt, dass sich unser Studio im ständigen Wandel befindet und eine unendliche Baustelle ist.