Emotional, mysteriös, sphärisch und dunkel – Marc DePulse released sein zweites Album „Kontrollverlust“ auf Einmusika

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Es ist der zweite Longplayer, den Marc DePulse rausbringt. Sein erstes Album kam 2011 und 2012 verteilt auf drei EPs bei Ostwind Records raus. Nun folgt „Kontrollverlust“ am 20. November 2017 auf Einmusika Recordings. Der Leipziger DJ und Produzent hat innerhalb von zehn Monaten 20 Tracks kreiert, die sich im weiten Tech- und Techno-Feld austoben und von denen es final zehn aufs Album schafften – emotional, mysteriös, sphärisch und dunkel. Für den Titeltrack „Kontrollverlust“ steuerte Xenia Beliayeva die Vocals bei. „Einmusika war die erste und einzige Wahl. Ich hatte keine andere Idee bzw. Option, wo ich mein Album sonst releasen würde“, so der Kolumnist – Aus dem Leben eines DJs.

Erhältlich wird die Kollektion über Beatport sein.

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trndmsk: Woher kam die Idee für die Nummer „Kontrollverlust“? Wo habt Ihr Euch die Inspiration geholt?

Xenia Beliayeva: Das ist bei diesem Stück nicht klar zu beantworten. Wir hingen mit Zeitversetzung ziemlich lange an der Produktion. Ursprünglich hatte Marc einen anderen Albumtitel im Kopf. Da habe ich mich im ersten Ansatz mit beschäftigt, musste mir aber eingestehen, dass ich Probleme mit der Thematik hatte. Mir hat etwas gefehlt, der Text wurde nicht rund. Ich kam nicht voran, konnte das Thema nicht greifen, hatte keinen Durchbruch und brauchte erstmal Abstand. Da hat mich Marc behutsam rausgeholt, indem er mir die Zeit gab, die ich brauchte, aber gleichzeitig auch Raum liess für meine Kritik an dem Titel. Dann habe ich etwas auf Russisch probiert, dann wieder Englisch, dann habe ich alles gelöscht, ohne Marc meine Ideen überhaupt vorzuspielen und hatte nix. Mit etwas Abstand saß ich in meiner Küche und schrieb aus heiterem Himmel relativ zackig den Text für „Kontrollverlust“. Ich konnte es schon im Kopf hören. Habe schnell den ersten Take aufgenommen und Marc geschickt. Er fand es gut, wir waren uns einig. Wir haben noch ein paar kleine Schleifen gedreht, hier und da ein paar Zeilen geändert, es mal gesungen, mal gesprochen ausprobiert, technische Feinheiten, aber die Basis war klar.

Marc DePulse: Es wird immer dann gut, wenn man beim ersten Hören schon dieses gewisse Gefühl hat. Ich war gerade in meiner Hood unterwegs, als Xenia mir den ersten Take geschickt hatte. Und irgendwie muss ich seit dem jedes Mal wieder daran denken, wenn ich in dieser Straße lang laufe. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter beim ersten Mal hören. So etwas bleibt hängen. Dann war schnell klar, dass es eine deutsche Nummer wird mit genau diesem Titel.

Wie und wo ist sie entstanden?

Xenia Beliayeva: Sie ist online entstanden. Wir haben uns die Sachen hin und her geschickt. Musik bei Marc im Studio, Text in meiner Küche, Vocals im Arbeitszimmer.

Wie habt Ihr Euch kennengelernt? Und wer hatte die Idee zu einer Kollaboration?

Xenia Beliayeva: Wir haben uns leider noch gar nicht kennengelernt. Marc hat 2016 einen Remix für „Like A Dream“, ein Stück von Qbeck und mir gemacht. Ich weiss gar nicht, wie es dazu kam ehrlich gesagt. Monotonik, das Label, fragte mich, ob sie eine Maxi mit Remixen machen können. Ich habe gesagt, die können machen, was sie wollen unter der Prämisse, dass ich das letzte Wort habe und Remixe, die mir nicht gefallen ablehnen kann. Dann kam Marcs Remix, der ein Knaller ist und so haben wir uns erstmal Social-Media-technisch verbunden. Die Kollaboration war Marcs Idee.

Marc DePulse: Das Label Monotonik hatte mich damals angefragt. Mit Xenia hatte ich vorher noch gar keinen Kontakt. Sie wollten aber zusätzlich zum Remixcontest noch einen etwas bekannteren Remixer ins Boot holen. Ich musste nicht lange überlegen, das Original hatte sofort meine Remix-Synapsen aktiviert. Für mich war es letztes Jahr auch so etwas wie die beste Produktion von mir. Ich weiß, Eigenlob stinkt. Aber ich rieche das gerne. So, und kennenlernen steht für 2018 auf der Agenda. Im echten Leben. So ohne Gesichtsbuch und Whatsäpp. Ich glaube, wir haben beide die gleiche Macke. Das kann ziemlich lustig werden.

Wie kamt Ihr auf den Namen – „Kontrollverlust“?

Xenia Beliayeva: Ach, der Titel ist äusserst mehrdeutig für mich. Ich habe ihn hier in dem Rahmen etwas konkreter auf Techno und MDMA gerichtet, hat aber im Kern nicht mal im Ansatz etwas mit Drogen oder Clubkultur zu tun. Es geht um ein besonderes Verhältnis von mir. Es ist keine Beziehung, keine Affäre, keine Freundschaft, keine Liebe. Ein Haufen schwammiger Gefühle und extremer Energie, welche absolut die Kontrolle verloren haben.

Wird es demnächst weitere Zusammenarbeiten zwischen Euch geben?

Xenia Beliayeva: Ich bin für Alles offen. Da mein Verhältnis immer noch nicht geklärt ist, fällt mir bestimmt noch ein weiterer Songtexte dazu ein (lacht).

Marc DePulse: Wir hatten in dem Produktionszeitraum sehr viel Kontakt miteinander, haben viel telefoniert und geschrieben. Auch da es parallel zum Track noch ein Musikvideo geben wird. Ich glaube wir mögen uns. Der Grundstein für weitere gemeinsame Projekte ist also gelegt, aber auch völlig ergebnisoffen.

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Marc DePulse, jetzt zu Dir und dem gesamten Album. 
Wie lange hast Du dran gesessen?

Marc DePulse: Ursprünglich dachte ich, dass ich das Album mal schnell mit durch schiebe. Ohne es auf Quantität zu schieben, aber ich habe in den letzten Jahren in vielen Dingen einen ziemlichen Flow entwickelt, daher ist mein Output nach außen auch in allen Bereichen immer so groß. Aber mich hat schnell der Kerngedanke hinter einem Album eingeholt. Es ist ein Storyteller. Den sitzt man nicht schnell auf einer Arschbacke ab. Das braucht Zeit, Muse und ganz viel Eingebung. Die kommt – wie bekanntlich – nicht auf Knopfdruck. Ich habe im Spätsommer 2016 damit angefangen und bin im Frühsommer 2017 fertig geworden. Aus ursprünglich geschätzten drei Monaten wurde schließlich fast ein ganzes Jahr. Und aus insgesamt knapp 20 Tracks haben wir uns die 10 besten heraus gesucht.
 

Hat der Titel eine tiefere Bedeutung für dich?

Marc DePulse: Ich hatte einige Ideen, zum Beispiel „Outside The Box“ oder „Better Be Nice“ (Titel 6). Ersterer fiel durch´s Raster, weil irgendwie jeder Künstler gern „Outside The Box“ sein will, es also nicht outstanding genug ist. Es gibt mir kein Gesicht, erzählt keine echte Geschichte. „Better Be Nice“ hingegen war bis zum Schluss ein heißer Kandidat, weil es das widerspiegelt, was ich häufig im Alltag erlebe. Egal wem du gegenüber stehst, sei ein lieber und netter Mensch, denn man weiß nie, wo man sich einmal wiedersieht oder wofür man den Gegenüber mal noch braucht. Aber auch der Titel ist es letztlich nicht geworden, weil er etwas zu unpersönlich ist. „Kontrollverlust“ war letztlich auch Samuels Eingebung (Einmusik), der mich von dem Gedanken befreit hat, dass ein deutscher Name nicht international tauglich genug ist. Ein Kontrollverlust kann so viele Facetten haben, ist aber in unserer Szene – so denke ich – ziemlich heimisch. Ich bin Xenia dankbar dafür, denn sie ist schlussendlich Namensgeberin meines Longplayers.
 

Woher kam die Idee zum Longplayer? Wo hast Du Dir die Inspiration für die Stücke geholt? Wie und wo sind die Tracks entstanden?

Marc DePulse: Mein letztes Album kam anno 2011 und 2012 in drei Teilen. Diesmal wollte ich unbedingt ein Paket machen und nicht wieder das Thema auf 3 EPs verteilen. „Kontrollverlust“ ist also – wenn man so will – mein erstes echtes Album. Entstanden sind alle Tracks bei mir im stillen Kämmerlein. Ich produziere am Besten, wenn es draußen dunkel ist, ich alleine bin, meine Ruhe habe, ein paar Kerzen brennen und eine Flasche Wein neben mir steht. Eine Loop-Techno-Nummer mache ich dir auch früh morgens 10 Uhr vor dem Zähneputzen, aber für das Album liebe ich den Tiefgang und brauche dafür eine gewisse Grundstimmung. Auch wenn das grad völlig schmierig und schmalzig klingt. Meine Musik ist in Melancholie getränkt und genau so muss das Umfeld auch auf mich wirken, wenn ich produziere. Jeder Track hat so seine eigene Geschichte. „Uranus 51“ zum Beispiel habe ich nach der Adresse meiner Kindheit benannt. German Plattenbau. (Uranusstraße 51 in Leipzig). Die Melodie, die ich zum Intro geschrieben habe, hat mich beim Produzieren direkt in meine Kindheit zurück versetzt. Ich weiß nicht warum, aber sofort hatte ich die alte Umgebung im Kopf. Wie auf Knopfdruck. Als hätte ich diese Melodie als Kind schon einmal irgendwo gehört und sie ganz tief im Hinterkopf abgespeichert. Der Synth hat ja dazu auch noch einen leichten 1980er Touch.


Wie war das bisherige Feedback zum Longplayer?

Marc DePulse: Die Frage kann ich dir vermutlich Mitte November beantworten. Bislang haben wir die Promo noch zurück gehalten, nur an ausgewählte Veranstalter, Radiosender und Magazine versandt. Von dort ist das Feedback bislang überragend gut. Das merke ich an den Verlinkungen im Social Media und einigen persönlichen Nachrichten.

Wieso das Release auf Einmusika? Was war entscheidend?

Marc DePulse: Ein Album möchte ich nur da veröffentlichen, wo ich mich wirklich zu Hause fühle. Beim ersten Album war es Ostwind (mit denen ich mich immer noch sehr verbunden fühle), nun ist Einmusika meine Heimat. Auch weil Label und meine Booking-Agentur Ledger Line eng miteinander verbunden sind. Auf Einmusika finde ich mich auch musikalisch wieder. Ich produziere immer frei Schnauze, das ist auch meine Devise. Aber man lässt mich machen und das ist gut so. Keine angezogene Handbremse, einfach 100 % Pulsi.


Wie geht es nach der Veröffentlichung weiter? Was sind Deine nächsten Pläne?

Marc DePulse: Ich habe eine EP mit Betoko fertig gestellt. Dafür sind wir aktuell noch auf Labelsuche, lassen uns aber auch alle Zeit. Dazu arbeite ich gerade an einem weiteren Longplayer mit Several Definitions. Es wird auch wieder eine Collab mit Rafael Cerato geben. Alles braucht noch etwas Zeit, um spruchreif zu werden. Darüber hinaus werde ich mein Label Jeahmon! sowie meine Podcastreihe How I Met The Bass weiter entwickeln und natürlich auch nach wie vor regelmäßig meine Blogs „Aus dem Leben eines DJs“ schreiben. Ich tanze also wie immer auf allen Hochzeiten und halte die Mischung bunt.

Tracklist:

01. Uranus 51
02. Her Fragrance
03. Kontrollverlust feat. Xenia Beliayeva
04. Hats Off
05. Sienka
06. Better Be Nice
07. Tailwind
08. Radio Star
09. Back To Bed
10. Prince Charming