Hey man, hast du mal ’ne Promo für mich? – die Kolumne von Marc DePulse

Jeder Produzent liebt es, wenn die eigene Musik gut ankommt und schon Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung ihre Kreise zieht. Dann, wenn man die geneigte Hörerschaft mit Ausschnitten triggert, um sie für das Release-Date mal so richtig heiß zu machen. Es ist aber auch der Zeitraum, in dem längst verloren geglaubte Freunde plötzlich wieder auftauchen. Gute Musik erhöht schließlich auch den Koeffizient vieler Nutznieser: „Hey Marc, alter Kumpel. Lang nichts voneinander gehört. Deine neue Release ist so fett!! Kannst du mir die schicken?“

Hast du mal ne Promo für mich

Grafik: Daniel Gläser (ZOVV)

Und spätestens da beginnt das Schubladendenken im eigenen Hinterkopf, denn eine Bemusterung unterscheidet immer zwei Typen von Konsumenten: Die, die aktiv zu Werbung und Verkauf beitragen und diejenigen, die die Release einfach nur erbetteln wollen und sie schlimmstenfalls noch weiter verschenken. Ja, es ist salopp formuliert das Differenzieren zwischen dem treuen Fan bzw. jahrelangem Käufer und dem Schmarotzer, der sein Leben irgendwo zwischen Gästeliste und Freigetränken führt. Sinnbildlich also links die Sparte der DJs, denen man die Veröffentlichung mit Kusshand gibt und rechts die, die man mit einem liebevollem Knuff lieber zum Kauf animieren möchten – ohne es am Ende böse zu meinen.

Verkauf ankurbeln, die Bekanntheit und das Ansehen steigern

Nur ist es genau dieser schmale Grat zwischen verschenken und verkaufen. Nach ein paar Jahren im Geschäft ist das Netzwerk an Freunden und „Freunden“ natürlich angewachsen. Man möchte sicher jedem Veranstalter, Geschäftspartner, Gönner und sowieso jedem Kumpel und Gutmenschen einen Free Download spendieren. Aber wo fängt es an und wo hört es auf? Was würde denn passieren, wenn plötzlich 300 potentielle Käufer die neue Single im Voraus kostenlos bekommen würden? Richtig: genau diese Verkaufszahl fehlt am Ende für das Erreichen einer guten Chart-Position und im Handumdrehen ist die ach so tolle Single wenige Tage nach der Veröffentlichung im Nirwana verschwunden. Einfach weil sie jeder schon hat und keiner mehr kauft – den kommerziellen Sektor hier einmal ausgenommen.

Eine vernünftige DJ-Bemusterung macht für meine Begriffe immer nur dann Sinn, wenn es den Verkauf ankurbelt, die Bekanntheit und das Ansehen steigert. Das passiert dann, wenn ein großer Fisch den Track chartet oder spielt und es davon bestenfalls Links und Videos gibt, die sich gut ansehen, anhören und natürlich in den sozialen Medien gut teilen lassen. Oder wenn es ein Radiosender rauf und runter spielt, ein Magazin bewertet oder ein Blog massenwirksam verbreitet. Die Summe aus allem trägt zur Werbung bei, leider aber nicht, wenn es der Resident vom Nachbardorf zum Warm-Up spielen möchte. Denn genau für diesen bietet man seine Musik ja zum Kauf an.

Natürlich sind wir uns alle einig: Ein Vorverkauf birgt immer eine Wartezeit in sich, die nervt. Hat man einmal Blut geleckt, will man das Knallbonbon natürlich sofort im nächsten Set zünden und nicht noch wochenlang warten. Aber es ist aus Label-Sicht nun mal jener Vorverkauf, der die Hörerschaft sich heiß trommeln und die Klickrate kontinuierlich steigen lässt.

Elektronische Musik ist über die Jahre zur Massenware geworden, daher muss man sich die besondere Stellung für seine Musik hart erarbeiten. Moderne Mittel und Wege, seine eigene Musik zu produzieren, haben dazu geführt, dass der Markt an Künstlern und Labels in sich immer breiter wird, die Käuferschaft aber nicht unbedingt im gleichen Maße zunimmt. Dadurch ist Musik leider ein Stück weit wertlos, beliebig, austauschbar geworden. Die Romantik der Schallplatte ist der heutigen Streaming-Generation abhanden gekommen, nicht aber das Herzblut eines Produzenten. Dieser hat natürlich keinerlei Interesse daran, seine Kunst an jeden zu verschenken. Eine gewisse Selektion zu betreiben ist also kein Verbrechen, es filtert nur eine vernünftige Mitte heraus. Damals wie heute.

Die Kolumne von Marc DePulse.