No photo policy: Erziehungsmaßnahme oder Mitläufer-Politik? – die Kolumne von Marc DePulse

Die coolen Szene-Locations machen es vor und viele ziehen nach. In einer Generation, die das schwenkende Feuerzeug durch das leuchtende Mobiltelefon ersetzt hat, kommt es daher wie eine Wohlfühl-Oase. Der einschlägige Club-Touri kennt es aus Berlin´s Szeneläden und es verbreitet sich weltweit immer mehr: Fotografieren und Filmen verboten. Symbolischer Aufkleber auf die Kamera und dann bitte auch gleich noch die Kiste einmal ganz ausschalten, in der Tasche – ach, am Besten gleich zuhause lassen. Juhu, also endlich keine übersteuerten Wackel-Videos mehr aus dem dunklen Technokeller.

Handyverbot

Grafik: Daniel Gläser (ZOVV)

Aber was steckt dahinter? Es ist das vielzitierte „Social Dreckwork“, was das Fusion Festival einst als Richtlinie ausgegeben hat und dahinter verbirgt sich nichts anderes als der Wunsch, das Erlebte einfach nur im Kopf abzuspeichern und nicht die Öffentlichkeit mit Belanglosigkeiten zu langweilen. Neben dem Schutz der Privatsphäre aller Feiergäste bringt es vor allem das Geheimnisvolle einer Veranstaltung mit sich, wenn man später ganz klassisch darüber erzählt und schwärmt, ohne eine Hundertschaft an nichtssagenden oder gar Promille-geschwängerten Fotos durch die soziale Kanalisation zu jagen. Es ist die Mundpropaganda, die manche Plätze magisch erscheinen lassen, in einer Welt, wo man im Handumdrehen jeden Popel auf der Straße abrufen kann. Das Unvorstellbare, nicht Greifbare. Freies Feiern für freie Menschen. Hach, wie schön. Und natürlich ist es ein Besuchermagnet, wenn man aus allen Ecken hört: „Da musst du unbedingt mal hin!“

Als DJ erlebt man das Ganze aus einem anderen Blickwinkel

Es ist diese gewisse Sehnsucht nach etwas Wohnzimmer-Romantik, um sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Die Sehnsucht nach dem Gefühl: „Weißt du noch, früher, als wir die Freizeit ohne WLAN verbracht haben? Als wir die Nächte ohne WhatsApp und Instagram durch geraved haben? Den Sonnenaufgang zu genießen ohne die Angst, dass der Akku gleich leer ist?“ Ja, manchmal erweckt es den Eindruck, als sei es ganz lang her und ganz weit weg, dieses real life mit real talk und real emotions. Dabei gibt es Stimmung und gute Laune ja auch noch offline.

Als DJ erlebt man das Ganze aus einem anderen Blickwinkel. Filmende Menschen sind das Eine. Sie feiern den Moment. Ich mag sie und mache das auch selber gerne. Aber was wollen mir die auf der Tanzfläche stehenden Spaßbremsen mit ihrem blinkenden Leuchte-Willi in der Hand sagen? Shazamen sie gerade den Track, den ich spiele? Oder teilen sie ihre Langeweile der Freundin an der Bar nebenan mit? Klar, Hauptsache etwas in der Hand haben. Busy tun, wenn das Kaltgetränk in der Hand allein nicht mehr cool genug ist. An diesem Punkt wäre ich eher für ein generelles Handyverbot bei Veranstaltungen.

Doch irgendwann hat man den Eindruck, viele Clubs oder Festivals kopieren diesen „No Photo“-Trend einfach nur, weil es gerade „in“ ist. Cool sein. Mitlaufen. Hat es doch gleichsam etwas ultra undergroundiges, wenn man am Einlass das Foto-Verbot quasi schon eingeprügelt bekommt. „Du-kommst-hier-net-rein!“-2.0. Doch mit Verlaub: Bei manchen Locations bekommt man eher das Gefühl, als dass die billige Berlin-Kopie um keinen Preis nach außen dringen darf. Denn wie so oft, wenn eine Innovation ihre Kreise zieht, stehen die Möchtegerns bereits Schlange und imitieren Konzepte, Ideen und Trends. „Bei uns dürft ihr jetzt auch nicht mehr fotografieren.“, einfach weil´s in ist.

Ich persönlich bin ein großer Freund reduzierter Smartphone-Aktivitäten, aber das Pro zum Contra sollte nicht fehlen. Man sollte es mit der „No-Photo“-Politik nicht übertreiben. Mal kurz die Cam aus der Weste zu zücken, um den Moment zu erhaschen, bitteschön. Es schadet niemandem. Denn die schönste Erinnerung nützt nichts, wenn man sie später nicht einmal seinen Enkelkindern zeigen kann. Ein cooles Video (freilich mit gutem Klang und Bild) trägt ganz nebenbei auch zu einer vernünftigen Promo bei. Man sollte es nur einfach nicht übertreiben. Weniger war schon immer mehr.

Die Kolumne von Marc DePulse.